Reise in die Vergangenheit.

Heutzutage mit der Bahn zu fahren, ist einigermassen komfortabel, man kommt allermeistes - zumindest in der Schweiz - pünktlich und rasch ans Ziel, und die Verbindungen sind mir nichts, dir nichts über eine  App auf  dem Smartphone in Sekunden gefunden. Toll, aber als zu einem gewissen Grad Nostalgiker fehlt mir etwas: Das Abenteuer! Den Kopf aus dem Fenster strecken, die stinkige Luft in den Raucherabteilen der Wagen und die Spannung, den Anschlusszug zu erwischen.


Ich habe recht früh gelernt das „AMTLICHE KURSBUCH“ zu lesen, und es war spannend. Neben den Bahnverbindungen für den sonntäglichen Familienausflug, liessen sich auch die Züge für die Fahrt in die Ferien heraussuchen. Im Kursbuch - das zweimal jährlich in einer aktualisierten Ausgabe erschien - fanden sich auch internationale Bahnverbindungen nach Italien ganz in den, nach Deutschland bis ganz in den Norden, Richtung Osten nach Österreich und westwärts durch Frankreich bis an den Atlantik. Manchmal schaute ich einfach aus lauter Neugier, wohin ich ab ZÜRICH HB fahren könnte.


Soweit geht die heutige Reise auf dem Weineggbahn-Blog allerdings nicht. Ich finde auf der Karte mit allen Bahnlinien zwischen Bodensee und Chiasso diese Bahnlinie; eine kurze Stichstrecke mit sehr dünnem Fahrplan-Angebot und bei den allermeisten Zügen stehten noch diese beiden Zeichen daneben, welche laut dem Verzeichnis unten auf der Liste bedeutet, dass die Züge zum einen nur zweite Klasse aufweisen und zum anderen, dass die Anzahl Sitzplätzen beschränkt sei. Irgendwo, bei gewissen Zügen steht noch, dass diese die Einhaltung des Fahrplans nicht garantieren können und die Bezeichnung „Güterzug mit Personenbeförderung.“


Das muss ich mir anschauen. Ob ich mich alleine auf den Weg mache, oder ob ich auf das Programm des den sonntäglichen Familienausflug Einfluss genommen habe, ist irrelevant. Jedenfalls steige ich in GERZENSTEIN  aus dem Zug aus Zürich HB aus und mache mich am gelben Plakat darüber schlau, auf welchem Gleis der nächsten Zug nach WEINEGG abfährt.


Durch die dunkle, feuchte Unterführung zum angegeben Gleis und die Granittreppenstufen zum Perron hoch. Was ist das für ein Zug? Ein einziger Leichtstahlwagen und ein zweiachsiger Gepäckwagen. Und davor? Eine Re 4/4‘ ist’s nicht, auch wenn sie ähnlich aussieht. Und der Geruch? Die Geräusche?


Es hängt tatsächlich eine von zwei Bm 4/4“ vor dem Zug, eine der einzigen beiden richtigen Dieselloks für den Streckendient bei den SBB. 
Nun heisst es in den einzigen Personenwagen klettern, einen guten Fensterplatz suchen und das Senkfenster weit aufreissen. Dann ruft auch schon jemand etwas mit „Iiischtiiige bitte!“ draussen auf dem Perron, dann ertönt ein Pfiff. Die Lok macht „chr.-rr-rr“ und beschleunigt. Der Ton wird höher und man riecht die Abgase des SULZER-Diesels. 


Über die Weichen bei der Ausfahrt werde ich noch etwas hin und her geschüttet, die weitere Fahrt durch die Felder, kurzen Waldpartien und Obstgärten verläuft danach friedlich. Manchmal hört man, wenn der Lokführer seine Maschine beschleunigt, dann riecht es auch mehr nach Abgasen. Und dann ist da noch das Pfeiffen vor den ungesicherten Bahnübergängen. Leider ist die Fahrt nach Weinegg viel zu kurz, denn schon fahren wir in den Bahnhof ein und der kurze Zug kommt quietschend zum stehen.


Das alles ist natürlich meiner blühenden Fantasie entsprungen. Die Bm 4/4“ gibt und gab es, doch so - wie von mir erträumt - wurden sie nie eingesetzt. Und genau: Weinegg gibt es bekanntlich auch nur auf diesem Blog…




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