Eine Reise

Ein Tal, dass nur über bewaldete Höhenzüge erreichbar ist, weil seine Seen keine Abflüsse haben. Seine Einwohner leben davon, dass sie aus den edelsten Materialien, wie Gold, Silber und Platin, die präzisesten Uhren herstellen - diese dann auch teilweise mit Diamanten, Saphiren und anderen Edelsteinen dekorieren - und eine Sprache sprechen, die mir nur bedingt geläufig ist. Was bis hierher, wie der Plot für einen Fantasy-Roman tönt, nimmt eine Wendung zum Post in diesem Blog, wenn ich erwähne, dann dort auf wenigen Quadratmetern dreieinhalb Seetaler zu finden sind.


Die Reise ins Vallée de Joux in der äussersten Ecke des waadländer Juras braucht von meinen Wohnort aus Zeit. Mit dem Zug sind’s normalerweise über vier Stunden; vier schöne Stunden, wenn das Wetter mitspielt. Und das Wetter spielte mit, als ich an einem Ferientag im April beschloss, diesem Tal und seiner Bahn wieder einmal Hallo zu sagen.


Als ich den Onlie-Fahrplan konsultierte, staunte ich nicht schlecht, denn dieser empfahl mir, statt über Lausanne beziehungsweise Renens am Genfersee zu fahren, in Yverdon-les-Bains auszusteigen und ab dort mit einem Bus nach Le Brassus, an hintere Ende des Vallé de Joux, zu gelangen. Ich hätte zwar die Bahn bevorzugt, aber eine neue Strecke kennen zu lernen; warum auch nicht?


Die Fahrt nach Yverdon-les-Bains genoss ich bei einem Zmorge im Speisewagen des ICN. Früher mochte ich diese Neigezüge auf der Jura-Südfuss-Linie ganz und gar nicht; heute fahre ich ganz gerne damit, speziell die Fahrt durch die Weinorte entlang des Bieler- und Neuenburgersees ist immer wieder schön.


In Ifferten, wie Yverdon auf Deutsch heisst, hiess es den Speisewagen gegen einen simplen MAN-Bus zu tauschen. (Übrigens: Ifferten, für Yverdon ist äusserst veraltet, aber ich finde die phonetische Übersetzung lustig.) Die anderthalbstündige Fahrt aus der fruchtbaren Orbe-Ebene ist karge Juratal war bestimmt auch dank der frühlingshaften Landschaft unterhaltsam.


Nach einem Umweg über Vallorbe, diesem einstigen, wichtigen Grenzbahnhof zwischen Frankreich und der Schweiz, und einigen engen Kurven, erreichte die Busline 613 auf über 1000 Metern über Meer den Übergang ins Valle de Joux, mitsamt einem ersten Blick ins Tal und den Lac Brenet, dem kleineren der beiden Seen im Tal. 


Einige Kurven weiter, und nachdem die Bahnlinie die Strasse einige Kilometer begleitete, ein erster Blick auf die Objekte der Begierde: die Seetaler der „Compagnie du Train à vapeur de Vallé de Joux“. 
Denen widme ich mich später, denn zuerst wollte ich ans ganz andere Ende der Bahnlinie fahren.


Nach dem in Le Pond einige Fahrgäste den Bus verlassen haben, und jemand zugestiegen ist, fuhr der Bus hinter einem Hügelzug, der den Lac de Joux - den zweiten und grösseren See im Tal - vom nordöstlichen Teil des Vallée de Joux trennt, Richtung Le Brassus.


Wenn sich die Strasse nicht durch Landschaften mit dem Prädikat „Jura as its best“, fuhren wir durch Orte, in den grosse, moderne Gebäude stehen, in denen die Schweizer Uhrmacher-Kultur zum Exzess zelebriert wird, und dem Tal seit Jahrhunderten eine Lebensgrundlage bietet.


In Le Brassus auf rund tausend Meter über Meer endete die Busfahrt rund neunzig Minuten nach ihrem Start in Yverdon-les-Bains gleich neben der modernen Bahnhofhalle von Le Brassus. Bis vor wenigen Jahren endete die Bahnlinie auf der anderen Strassenseite in einem Bahnhof, wie er mir gefällt. Anstellen des alten Bahnhofs befindet sich heute dort das Werk von Audemars Piguet, einer anderen dieser Uhrenmanufakturen, die das Vallée de Joux ausmachen. Bei den Recherchen zu diesem Post fand ich heraus, dass diese Uhrenmanufaktur in Le Brassus ein Museum betreibt. Das Ziel einer weiteren Reise ins Vallée de Joux? (Falls jemand von Audemars Piguet hier mitliest, und von meiner Werbung angetan ist: ich wäre für einen Sponsorenvertrag durchaus zu haben. Und ich käme die Uhr per Bahn bei Euch in Le Brassus abholen…)


Die Chemin de Fer Pont - Brassus - heute ein Teil von Travys - mitsamt der Linie im Tal, welche hier endet und ihre Werkstätte neben der Bahnhofshalle betreibt, muss ich kurz, zur besseren Verständigung erklären. Die Linie in Vallé de Joux beginnt eigentlich in Le Day auf rund 787MüM an der SBB-Linie von Lausanne über Vallorbe weiter nach Dijon in Frankreich, und gehört bis Le Pont der SBB. Die restlichen 13km von Le Pont bis Le Brassus sind und waren immer eine Privatbahn. Weil es allerdings wenig Sinn macht, dass man in Le Pont von der SBB in die PBr umsteigen muss, betreibt die SBB über die meiste Zeit ihre Bestehens die gesamte Strecke von Vallorbe über Le Day und Le Pont bis Le Brassus. Mit der Ausnahme von wenigen Jahren, in denen die PBr mit eigenen Triebwagen die ganze Strecke befuhr. Aufgrund der zahlreichen Unterhaltsfahrzeugen scheint Travys allerdings für den Gleisunterhalt dieser Strecke verantwortlich zu sein.


Heute ist die gesamte Linie in die S-Bahn des Grossraums Lausanne integriert, und die Züge fahren als R4 von Le Brassus über Lausanne bis nach Vevey am Genfersee. Darum verwundert es kaum, dass ein entsprechender Flirt in die Halle einfuhr, um mit mir an Bord wieder Richtung Le Pont zurückzufahren.


Zuerst verläuft die Strecke durch die Ebene der mäandernden Orbe entlang über die Jura-Hochebene. Der Fluss Orbe verschwindet übrigens nach dem Lac Brenet im Untergrund, um dann später vor Vallorbe wieder an die Oberfläche zu gelangen.


Im Gegensatz zur Strasse, führt die Bahnlinie zu einem grossen Teil etwas erhöht den Lac de Joux entlang und bietet immer wieder schöne Aussichten auf den See und das gegenüberliegende Ufer.


In Le Pont verliess ich den Zug wieder, wollte ich mich mich doch rund um das Depot der Compagnie du Train a Vapeur du Vallée de Joux etwas umsehen. Und das hat sich gelohnt, konnte ich doch nicht nur einige Bildchen von spannenden Dingen aufnehmen, die Stimmung war wunderschön: der Frühling zeigte sich von einer besten Seite. Es roch nach Frühling, allerlei Insekten waren schon unterwegs, Meisen, Buchfinken, Amseln pfiffen um die Wette und vom anderen Ufer des Sees gaben Kuhglocken den Takt an.







Für meine Erkundung brachte ich nicht die ganze Stunde zwischen den einzelnen Kursen der R4, mein Blick von der Bank auf das Bahnhofsgebäude von Le Pont war auch nicht schlecht. Aufgrund der Beobachtungen im oberen Streckenteil Richtung Le Brassus, vermute ich, dass das Flair von Le Pont bald Hochperons und den Geist eines Bahnhofs im einundzwanzigsten Jahrhunderts weichen wird. Zeitmaschine, ich brauche unbedingt eine Zeitmaschine! Was würde ich dafür geben, in einem Seetaler - oder im typischen „Vallée de Joux-Steuerwagen“ hinter einer De 4/4 diese Strecke abfahren zu können.


Nach einer Stunde setzte ich mich in die nächste R4, mit der ich nach Renens zum meinem ICN zurück nach Hause brachte. 






Wobei die Fahrt von Le Day über die grossen Kehren mit Blick übers Waadtland, bis zu den französischen Alpen im Dunst auf der anderen Seite des Genfersees, durchaus als reizvoll bezeichnet werden kann.


Und die Seetaler in Le Pont? Diesen werde in naher Zukunft einem anderen Post Beachtung finden. Es hätte den Rahmen dieses Posts gesprengt.



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